2002: Geschlechtskrankheiten

10. November 2001 - 29. Mai 2002

Vor 100 Jahren galten die Geschlechtskrankheiten Syphilis und Tripper neben der Tuberkulose und dem Alkohol als dritte Geissel der Menschheit. Erst der Einsatz von Antibiotika nach 1940 macht sie zu einfach behandelbaren Krankheiten und nimmt ihnen ihre soziale und politische Bedeutung, welche allerdings beim Aufkommen von AIDS in den 1980er Jahren nochmals deutlich spürbar wird.

Die Syphilis beginnt mit einem Geschwür am Ort der Infektion. Später folgen Ausschläge und nach Jahren allenfalls bedrohliche Erkrankungen der Inneren Organe und des Nervensystems. Um 1900 herrscht zudem die Ansicht, dass die Syphilis über Generationen vererbt werden könne und so eine kranke und geschädigte Nachkommenschaft drohe. Die Therapie mit Quecksilber und später mit dem Arsenpräparat Salvarsan ist nebenwirkungsreich und unzuverlässig.

Nach der Entdeckung des Erregers werden auch beim Tripper (Gonorrhoe), mit eitrigem Harnröhrenausfluss als Hauptsymptom, chronische Beschwerden und Unfruchtbarkeit als Folge erkannt. Damit bekommt auch diese Geschlechtkrankheit eine grössere Bedeutung.

Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in der Öffentlichkeit

Im Zuge der Industrialisierung und Verstädterung wird ein allgemeiner Sittenverlust befürchtet. Die scheinbar wachsende Bedrohung durch Sterilität, Siechtum, Krankheit und Degeneration zukünftiger Generationen, die bescheidene Hilfe durch eine fast wehrlose Medizin und die Verknüpfung der Geschlechtskrankheiten mit Unmoral und Gottesstrafe, rechtfertigen in der Zeit nach 1900 intensive Aufklärungskampagnen in der breiten Bevölkerung.

Moulagen und Medien im Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten

Zur Darstellung der Krankheitsbilder für die Lehre und Erforschung der Haut- und Geschlechtskrankheiten werden in vielen Dermatologischen Kliniken dreidimensionale Wachsmoulagen hergestellt und im Unterricht eingesetzt. Auch in der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten bieten sich die beeindruckend lebensechten Moulagen vielseitig an und hinterlassen bei den Betrachtern tiefe Eindrücke. Die Bedeutung der Moulagen zeigt sich auch im 1931 gedrehten ersten Schweizer Ton-Spielfilm „Feind im Blut“, mit welchem im Kino vor den Gefahren der Unzucht und Kurpfuscherei gewarnt wird.

Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Tripper in der Öffentlichkeit steht ganz am Anfang der Medien-Ära des 20. Jahrhunderts und benützt vor allem das Mittel der Abschreckung. Neben Merkblättern und öffentlichen Fachvorträgen werden Moulagen, Lichtbilder und sogar das moderne Massenmedium Film eingesetzt. Die bisher tabuisierten Themen Sexualität und sexuell übertragbare Krankheiten werden zum öffentlichen Gespräch.

Diese zweite Sonderausstellung der Moulagensammlung war der Darstellung der verwendeten Medien und der Funktion der Moulagen im Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten in der Zeit von 1900 bis 1931 gewidmet. Sie zeigte neben den Krankheitsbildern und Therapien auch Ausschnitte aus dem 1931 von der Schweizerischen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Auftrag gegebenen Kinofilm „Feind im Blut“, der besonders durch die avantgardistische Umsetzung des Themas unter der Regie von Walter Ruttmann auch heute noch fasziniert.

Ausstellung: Michael L. Geiges und Jeannette Egli