2003: Chirurgische Moulagen

22. März 2003 - Sommer 2005

Bis in die 1960er Jahre waren Moulagen von Haut- und Geschlechtskrankheiten fester Lehrmittelbestandteil des dermatologischen Unterrichtes für Medizinstudenten am damaligen Kantonsspital.

Aussergewöhnlich ist, dass die naturgetreuen dreidimensionalen Nachbildungen von krankhaften Befunden aus Wachs auch in der chirurgischen Klinik hergestellt wurden. Die dargestellten Krankheitsbilder und die Tatsache, dass sehr viele der so illustrierten Krankengeschichten in wissenschaftlichen Publikationen verwendet wurden zeigt auf, dass diese Moulagen weniger für den Studentenunterricht, sondern vielmehr zur Dokumentation der Forschung gebraucht wurden. Die Wachsmoulagen aus der Zürcher Sammlung gehören weltweit zu den schönsten. Die über 500 chirurgischen Moulagen wurden in der Zeit zwischen 1919 und 1927 im Auftrag des Chirurgieprofessors Paul Clairmont vom eigens dafür zum Mouleur ausgebildeten wissenschaftlichen Zeichner und Kunstmaler Adolf Fleischmann gefertigt und sind heute noch ausgezeichnet erhalten.

Chirurgie am Kantonsspital Zürich um 1920

Paul Clairmont, Nachfolger von Ferdinand Sauerbruch am Zürcher Kantonsspital, war ein hervorragender Lehrer, engagierter Wissenschaflter und erfahrener Operateur. Die Narkose und die Erkenntnisse der Bakteriologie und des sterilen Arbeitens hatten um 1900 zu gewaltigen Fortschritten in der Chirurgie geführt. Unter Clairmont wurde auch in Zürich die Bluttransfusion zunehmend mit Erfolg eingesetzt. Die Beurteilung von Knochen und Lunge mit Röntgenbildern revolutionierte die Diagnostik. Plastische Wiederherstellungsoperationen mit Hautverschiebungen erlaubten sogar im Gesicht grössere Eingriffe ohne schlimme Verstümmelungen.

Man stiess an neue Grenzen, welche mit Moulagen noch heute beeindruckend vor Augen geführt werden können: Wundinfektionen hatten in der Zeit vor der Entdeckung der Antibiotika nur allzuoft tragische Folgen. Ohne Mikrochirurgie konnten Blutgefässe und Nerven nicht genäht werden und Verletzungen führten zu Lähmungen und zum Absterben ganzer Finger oder Zehen.

Patientenschicksale

Mit den lebensechten Nachbildungen von erkrankten und verletzten Körperregionen der Patienten zeigte die Ausstellung Möglichkeiten und Grenzen der damaligen chirurgischen Therapie auf. Zu sehen waren alltägliche Probleme, mit denen die Chirurgen damals zu kämpfen hatten, daneben aber auch Dokumente zu aussergewöhnlichen Schicksalen und gelegentlich groteske Befunde, welche für die Sammlung moulagiert worden sind (vom überlebten Starkstromunfall bis hin zum riesigen Leistenbruch). Ergänzt wurde die Ausstellung mit teilweise handkolorierten Fotografien von Glasplattendiapositiven aus den Vorlesungen von Clairmont.
Als weitere Besonderheit ist bei vielen chirurgischen Moulagen eine kurze Zusammenfassung der Patientengeschichte erhalten geblieben und gibt uns heute noch einen Einblick in die persönliche Geschichte im damaligen sozialen Umfeld und in das Leiden der Patienten.

Ausstellung von Herrn med. pract. Martin Näf und Dr. med. Michael Geiges