2010: Hundert Blicke auf ein Püggeli

Neue Dauerausstellung/Lehrsammlung ab September 2010

Effloreszenzenlehre

Wir unterscheiden heute ungefähr 2000 verschiedene Hautkrankheiten. Das medizinische Konzept von Krankheiten der Haut ist allerdings erst etwa 200 Jahre alt. Mit dem antiken Verständnis der Haut als Schutzhülle des Körpers und Ausscheidungsorgan galten Ausblühungen (Effloreszenzen) als Hinweis für ein inneres Ungleichgewicht der Körpersäfte.
Die naturwissenschaftliche Untersuchung des Menschen führte zum heutigen Verständnis unseres Körpers als einem Zusammenspiel verschiedener Organsysteme. Die Krankheiten unseres grössten Organs, der Haut, wurden in Anlehnung an die Natursystematik nach den gut sichtbaren Effloreszenzen unterschieden und eingeteilt.
Auch wenn sich unser Verständnis von Hautkrankheiten auf der Basis von Immunbiologie und Genetik grundlegend verändert hat, gehört noch heute die Befunderhebung an der Haut mit Hilfe der Effloreszenzenlehre zu jeder klinischen Beurteilung.

Wachsmoulagen in der Dermatologie

Lange und detaillierte Texte beschrieben in den Lehrbüchern die Charakteristika der unterschiedlichen Krankheiten. Die ergänzenden Aquarelle, Tuschezeichnungen und Schwarzweiss-Fotografien waren teuer herzustellen und oft von bescheidener Qualität. Vor bald 150 Jahren wurden die ersten dreidimensionalen Wachsnachbildungen der veränderten Körperoberfläche über einen Gipsabdruck des Patienten aus teurem Wachs gegossen und naturgetreu bemalt. Die hervorragende Qualität rechtfertigte diesen immensen Aufwand. So konnten die unterschiedlichsten Befunde lebensecht und in Originalgrösse der rasch wachsenden Zahl der Studierenden im Hörsaal gezeigt werden. Wachsmoulagen ergänzten die Demonstration von Patienten und galten schliesslich als die wichtigsten dermatologischen Lehrmittel an vielen Universitäten in Europa.

Wachsmoulagen in der modernen Lehre?

Farbdiapositive und Videoübertragungen verdrängten gegen Ende des 20. Jahrhunderts die Wachsmoulagen aus dem Hörsaal und aus dem Gedächtnis der Dozenten. Als die wertvollen historischen Dokumente wiederentdeckt wurden, glaubte kaum jemand, dass sie in der modernen Welt des E-Learning noch eine didaktische Bedeutung haben könnten. Doch heute finden in Zürich Dermatologievorlesungen im Moulagenmuseum statt und die dreidimensionalen Unikate, die mit beinahe gruseliger Echtheit an den abgebildeten Patienten erinnern, stellen in ihrer Exklusivität und Realität eine wichtige Ergänzung zur fotografischen Bilderflut dar.

Die Ausstellung ist neu nach dem Lernzielkatalog für die medizinische Ausbildung an den Universitäten geordnet und die Begleittexte ermöglichen auch dem interessierten Laien, sich rasch ein Bild von heute wichtigen Krankheiten zu machen. Natürlich fehlt der historische Rahmen in der Ausstellung nicht, auf dem unsere heutigen Konzepte und Vorstellungen schlussendlich beruhen.